MEINUNG


Zum Schrumpfen der deutschen Mittelschicht


Liebe Leserin, lieber Leser,

sehr wahrscheinlich fühlen auch Sie sich zur Mittelschicht zugehörig. Doch wir werden immer weniger und müssen für eine zunehmende Unterschicht immer mehr zahlen. Im vergangenen Monat sorgte eine soziologische Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW) für großes Aufsehen, als die Forscher - wieder einmal - verkündeten: Die deutsche Mittelschicht schrumpft. In den letzten 10 Jahren sei die Mittelschicht von 66,5% auf 61,5% zurückgegangen, die Unterschicht habe von 17,8% auf 21,7% zugenommen und die Oberschicht sei von 15,6% auf 16,8% gewachsen.
Zur Mittelschicht rechnet das DIW Menschen, deren Nettoeinkommen 70 bis 150% des Durchschnittseinkommens beträgt. Das sind im Jahre 2009 bei einem Single-Haushalt zwischen 1.000 und 2.000 EUR und bei einem Vier-Personen-Haushalt zwischen 2.100 EUR und 4.600 EUR im Monat. Wer weniger hat, gehört zur Unterschicht, wer darüber liegt, zählt zu den Besserverdienenden. Aha!
Die DIW-Forscher brachten ihre Untersuchung zur Einkommensentwicklung auf die allseits beliebte Formel: Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Und die Mittelschicht zahlt immer mehr. Da ist eine Untersuchung des Bundesfinanzministeriums aussagekräftiger: Während 15 Millionen Bürger überhaupt keine Einkommensteuer zahlen, erwirtschaften 35 Millionen Einkommensbezieher die Lohn- und Einkommensteuer, die rein rechnerisch komplett für den Haushalt von Arbeit und Soziales draufgeht. Und wie verteilt sich die Steuerlast?
  • Ein Viertel aller Steuerpflichtigen bringt im Jahre 2008 mehr als drei Viertel (76,1%) der gesamten Einkommensteuer auf. Zu dieser Elite dürfen Sie sich zählen, wenn Sie mehr als 44.850 EUR verdienen.

  • Das obere Zehntel der gut Betuchten mit einem Einkommen ab 70.150 EUR trägt mehr als die Hälfte (54,4%) der gesamten Einkommensteuer. Und davon schultert das oberste eine Prozent mit einem Einkommen ab 160.000 EUR allein 20% der Steuer.

  • Die Hälfte der Steuerpflichtigen mit Einkommen ab 26.750 EUR zahlt insgesamt 93,8% des Einkommensteueraufkommens. Die andere Hälfte - die unteren 50 Prozent - trägt gerade mal 6,3% dazu bei.
Der Unterschicht wird gegeben, der Mittelschicht wird genommen. Eine schrumpfende Mittelschicht muss immer mehr Menschen der Unterschicht alimentieren. Diejenigen, die sich Tag für Tag mühen, müssen immer größere Lasten tragen. Es sind die Durchschnittsverdiener, denen über die Einkommensteuer und über Sozialbeiträge ein zunehmender Obolus abverlangt wird. Oben und unten sind die Steuerzahler von der rot-grünen Koalition entlastet worden. Doch die Mitte wird systematisch ausgepresst. Bezieher mittlerer und gehobener Einkommen im Bereich zwischen 29.000 und 112.000 Euro zahlen nach einer Studie des Karl-Bräuer-Instituts heute deutlich mehr Steuern als für ein vergleichbares Einkommen im Jahre 1990. So sind beispielsweise für 65.000 EUR heute 13% mehr Steuern fällig als 1990. Die Grenze, ab der der Spitzensteuersatz fällig wird, wurde immer weiter nach unten gerückt. Heute schlägt der Spitzensteuersatz bereits bei einem Einkommen von 52.800 EUR zu. Das ist das Eineinhalbfache des Durchschnittseinkommens. In den 50er Jahren wurden mit dem Höchststeuersatz nur wirkliche Höchstverdiener belastet, die das 17-fache des Durchschnittseinkommens verdienten. Dies ist auch ein Grund dafür, weshalb heimliche Steuererhöhungen von jeder Gehaltserhöhung einen immer größeren Anteil verschlingen.

Die Mittelschicht - das sind die wahren Leistungsträger der Gesellschaft. Mit ihren Leistungen, Steuern und Abgaben hält sie das Ganze zusammen. Die "Melk-Kühe aus der Mittelschicht" (Münchener Abendzeitung vom 15.6.2010) wurden in den letzten Jahren zunehmend geschröpft. Deshalb wäre es angebracht, wenn die Bundesregierung beim aktuellen Sparpaket endlich einmal die Mittelschicht verschonen würde. Denn die Kuh, die man melken will, darf man nicht schlachten. Warum wohl heißt die Mittelschicht Mittelschicht? Weil von ihr die Mittel kommen.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr
    Peter Kauth
    Redaktion Steuerrat24

(verfasst am 29.6.2010)


© Copyright 2017 Steuerrat24